finden

ihren Anfang im Hafen von Patras. Wir haben ja, ziemlich schnell entschlossen, eine Überfahrt von Patras nach Brindisi gebucht. Um die 160 Euro Geldwert und 13 Stunden Zeitinvestition sind das.

Noch voll verwöhnt von der Überfahrt von Kreta rüber nach Piräus sind wir gespannt, was uns die Grimaldi Fähre bietet. Wir sehen uns in kuschligen Sofas rumhängen, mit freundlichen Menschen parlieren, die TV Monitore sounden in erträglicher Lautstärke. Und überhaupt. We love Kreta und so. Das Ticketrülpserchen ist vergessen, bloss noch ein Nebengeräusch. Hat sich ja mit durchwarten von selber gelöst. Mehr oder weniger.

Wir finden auf Anhieb das richtige Terminal. Das ist neu bei uns. Deshalb parken wir direkt vor der Ticketausgabe. Ein Haufen voller junger Männer lugen jeden an der an ihnen vorbei geht. Draussen am Schalter stehen die Trucker an, ich solle rein in die Halle und mir dort das Ticket schnappen. Meint einer der Männer. Ich geh rein.
Noch einer vor mir in der Schlange dann bin ich dran. Aber die wollen die Fahrzeugpapiere auch sehen. Also wieder zurück auf Feld 1, bei den Flüchtlingen vorbei zum Bus und wieder zurück. Und wieder eine Runde lang anstehen. Es ist laut und stickig in der Halle, dort wo man ansteht. Italien ist nah.

Ich halte mein Pad bereit, mit der Buchung auf dem Bildschirm, einem Pass von mir und eben diesen Fahrzeugpapieren. Bald bin ich an der Reihe. Es drängt sich so ein schmieriger Kerl vor. Er hat offenbar den Schwimmring schon unter dem Hemd und schwitzt einen auf wichtig. Ich lass ihn vor und halte Abstand. Die Fähre legt wegen dem Wichtigtuer nicht früher ab.

Die Ticket Sache ist dann bald gemacht, wir starten den Bus und stehen hinter ein paar Sattelschleppern wieder an. Es geht langsam vorwärts. Ein privater Sicherheitsmensch winkt uns her.

Meine Blume macht etwas an ihrem Handy rum, vermutlich Instagram. Der Gockel in der Uniform denkt sie filmt ihn und entsprechend aufgeregt meint er sie solle sofort die Bilder löschen. Es gibt nichts zu löschen. Er meint löschen und wir meinen es gibt nichts zu löschen. Sie hat nicht gefilmt. Ende der Mitteillung.
Dann funkt er wichtig in der Gegend rum und langsam werde ich doch etwas warm mit dem Burschen. Das Grün hinter seinen Ohren spriesst übel. Es reicht mir und ich fahre weiter, an den Slot 5, während es hinter uns herschreit und auf und ab hüpft. Jedem sein Yoga.

Vor dem Slot 5 warten wir wieder. Jedes Fahrzeug wird penibel durchsucht. Sie haben sogar Leitern aus Aluminium um über die Ladungen zu kraxeln. Was sie fleissig tun. Jetzt sind wir dran, mit der Menschenkontrolle. Man stelle sich das mal vor. Nicht Devisen, Drogen oder farbige Bibeln. Bloss Menschen.

Ich steige aus. Der Kontolleur ist um einiges normaler als der erste Hilfssheriff.
Und, er weiss was er tut. Er will hinten reinsehen, geht aber nicht. Ist geschlossen. Verschraubt. Ich erklär ihm das schnell. Er meint wegen den Flüchtlingen und ich sage ihm es sei wegen der schweren Kiste. Sonst fällt möglicherweise die Türe mal raus.
Als Gegenleistung steigen wir zusammen vorne in den Bus und schauen uns etwas um. Ich klappe sogar das Bett für ihn runter. Er ist voll zufrieden. Dann will er doch noch hinten in die Kiste sehen, was wir zusammen tun. Wir sind beide voll entspannt. Bald können wir zusammen Raki trinken gehen. Ein Schnapps nach der Menschenkontrolle.

Wir fahren aber weiter zu den Fähren. Es hätte ein paar schöne Schiffe grad hier vorne, aber unser Kahn ist ganz hinten.

Eine Grimaldi Fähre mit dem verheissungsvollen Namen Olympia. Wir fahren problemlos rein, parkieren ohne jede Hilfe, packen unseren Krempel

und fahren wieder ohne fremde Hilfe mit dem Lift in den vierten hoch.

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Wir haben Deckpassage gebucht. Also suchen wir die Sofas und die hellen, netten Räume. Fehlanzeige. Es hat im sechsten Stock ein Casino. Ein paar Slot Maschinen in einer Ecke sind das Casino. Zwei Süchtige sind schon dort und hoffen zusammen schon mal. Weiter gibt es zwei Räume mit so Plastikstühlen drin, die ähneln den Sitzen wie in Flugzeugen. Bloss sind diese hier unzerstörbar. Man könnte drauf sitzen. Wollte man das.
Und vorne an der Wand hängen grosse Bildschirme. Einer ist defekt. Der Raum stinkt nach Schweiss. Noch tut er das. Dann gibt es unten im vierten Stock links, ein Restaurant. Es wird serviert was da ist. Nur zu bestimmten Zeiten. Das ist alles. Wir sind zweimal durch den Pot gelaufen, aber da war nicht mehr als beschrieben. Keine Sofas, keine hellen Räume. Nichts. Eine schummrige Bar zum absacken. Das genügt.

Wir schmeissen uns also auf zwei harte Sofas im Restaurant. Nahe an der einzigen Steckdose. Und sehen den Passagieren zu die langsam eintrudeln. Eine Schulklasse Maturanden aus Italien fährt auf diesem Seelenverkäufer mit. Ein paar Trucker und noch sonst ein paar schräge Vögel, wie und wir, sind auch dabei heute. Am Empfang meldet mir ein Mitarbeiter, dass es keine freien Kabinen hätte. Ich könne nicht umbuchen. Also lassen wir das mal. Ich checke den Pot weiter ab. Vielleicht könnte man ja wieder in den zweiten Stock runter schleichen und locker im Bus nächtigen. Geht aber nicht, ist alles verrammelt.

Wir bestellen früh die erste Flasche Wein für den Anfang. Einen Tenuta Rapitalà. Der junge Kellner, ein Hobby Hipster mit Brille und Bärtchen, kriegt den Zapfen nicht raus. Ich schaue seelenruhig zu. Grosses Kino wieder. Einer aus der Küche hilft ihm. Endlich reissen sie den Zapfen gemeinsam aus der Flasche. Dann reichen die uns tatsächlich zwei Plastikbecher zur Flasche mit dem tiefroten Wein aus Sizilien.
Ich verlange Gläser. Richtige Gläser. Gibt es nicht hier. Ich seh mal selber hinter die Bar. Auch nichts. Auf der Olympia gibt es keine Weingläser. Keine Biergläser.

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Ich schnappe mir zwei Espresso Tassen. Und ich äussere mich hier nicht über das Nachtessen. Weil schon leicht befangen. Die Portionen sind nur gross. Mehr nicht. Eine reicht. Die andere Portion ist zum ansehen.
Die Tische eignen sich auch zum Scheidungspapiere unterzeichnen. Auf dem Foto schaut die Gegend eigentlich gut aus. Fotos lügen. Glaubt mir das einfach. Das Bild haben wir um zwei am Morgen geschossen.

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Und offenbar ist es hier üblich, dass vom Mechaniker im verölten Kombi bis zum Kerl mit der Taschenlampe, die Crew locker an der Bar rumhängt und Espressos schlürft. Das geht nicht hier. Es sei denn, man lässt die elenden Standesdünkel hier, mal aussen vor. Was aber jene mit den goldenen Bändern an Arm und Kappe nicht tun.

Zusammengefasst, die Olympia ist ein rostiger, schmutziger Pot. Der uns aber sicher rüber nach Brindisi fährt. Das alles wird noch entscheidend übertroffen. 13 Stunden TV Program made in Italy, in voller Lautstärke, mit oberdoofen Game- und was auch immer für Shows, präsentiert von vollbusigen Blondinen und komplett bescheuerten Moderatoren. Das alles unterbrochen von dramatischen Nachrichten über nichts und endlosen Werbeblöcken auch über nichts.
Das blanke heute. Wir trinken weiter und lassen den Wein die Kehlen runter laufen, soviel bis wir die Sache etwas entspannt sehen.

Und ich dann endlich hinter dem Tresen die Fernbedienung gefunden habe. Dann war Schluss mit dem Theater. Das war dann um vier Uhr am Morgen. Da stört das fehlende Toilettenpapier auch nicht mehr.

Und dann waren wir da. In Italien. Und dann war wieder Flüchtlingskontrolle. Und irgendwie war die Überfahrt in einer Sekunde relativiert.

Ich hatte Luxusprobleme. Aber völlig.

Mit dieser Erkenntnis schwer beladen, fahren wir direkt in einen Vodafone Shop. Wir brauchen auch hier, Luxus in Form von Internet. Das leben geht weiter. Auch Flüchtlinge könne sich das leisten. Irgendwie ist etwas arg schräg auf dem Planeten.